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2019-09-20

Ist ein Kaiserschnitt traumatisch? - Vom Umgang mit Unerwartetem

ghost-1784629_1920.jpgWenn ich rein auf meine persönliche Erfahrung schaue, dann müsste ich dies mit “ja” beantworten. Ginge ich dieser Frage ausschließlich derart nach, würde mir in dem Fall manche/r (zu Recht) Kurzsichtigkeit vorwerfen.

Ja, meinen Kaiserschnitt habe ich definitiv als Trauma erlebt und in Erinnerung behalten. Doch was macht ein Erlebnis überhaupt traumatisch? Dafür möchte ich etwas ausholen.

Michaela Huber, eine langjährige Expertin auf dem Gebiet der Traumaforschung, hebt hervor, dass nicht jedes belastende Lebensereignis auch ein Trauma darstellt.
“Bei Traumata handelt es sich nicht um reine innere Konflikte […]. Ausgangspunkt sind vielmehr tatsächliche, extrem stressreiche äußere Ereignisse. [Hervorhebungen M.Huber] Damit ein Erlebnis aber zum Trauma für einen Menschen werden kann, muss eine Dynamik in Gang kommen, die sein Gehirn buchstäblich ‘in die Klemme bringt’. Diese ‘Klemme’ nenne ich die ‘Traumatische Zange’.” *1

Diese “traumatische Zange” beschreibt, welche Reaktionen auf ein solches extremes äußeres Ereignis folgen können. Zentral daran: Die Situation wird von der Person als ausweglos wahrgenommen. Es gibt weder Aussicht auf Flucht, noch auf Verteidigung. Was anschließend folgt, ist eine biologische Schockreaktion: Das “Einfrieren”, oder “Freeze”. Noch dazu bleiben die Erinnerungen an das extreme Ereignis fragmentiert, d.h. nicht in logischem Zusammenhang, in der Erinnerung erhalten.
 „Begriffe wie ‚vor Angst wie gelähmt‘ oder ‚starr vor Schreck‘ sein […] beschreiben die physische, emotionale und körperliche Erfahrung von intensiver Angst und eines Traumas ziemlich präzise.“ *2

Für Peter Levine, einen weiteren Forscher mit langer Erfahrung auf dem Gebiet von Traumata und Traumaverarbeitung, ist zentral, dass die negative Erfahrung, gekoppelt mit starken negativen Gefühlen, eine Schleife erzeugt, aus der es schwierig ist, wieder auszusteigen. Dies führt dann dazu, dass „In Situationen, in denen andere nicht mehr als eine leichte Bedrohung wahrnehmen […], erlebt die traumatisierte Person Bedrohung, Gefahr und eine mentale/physische Antriebslosigkeit, die ihren Körper und ihren Willen lähmt.“ *3

Woraus sich auch sinnig solche Reaktionen wie sog. Posttraumatische Belastungsstörungen oder postnatale Depressionen erklären! Und, ohne konkrete Zahlen nennen zu können: Diese sind nach traumatischem Kaiserschnitt wohl häufig anzufinden, und wahrscheinlich noch häufiger nicht diagnostiziert.

Zurück zur Ausgangsfrage. Ist demnach ein Kaiserschnitt PER SE traumatisch? Ich sage: NEIN.

Ausgehend von der Definition der „extremen Ereignisse“, die von außen über einen Menschen hereinbrechen - hier spezieller: über eine Frau hereinbrechen, die UNERWARTET per Kaiserschnitt ihr Kind zur Welt bringt – kann ich anführen, was ich bereits im ersten Blogbeitrag genannt habe. Zur Essenz zusammengefasst, ist ein Trauma dann sehr wahrscheinlich, wenn etwas
ZU SCHNELL, ZU HEFTIG, ZU UNERWARTET geschieht.

Daneben ist natürlich einzuschließen, dass JEDE Operation traumatisches Potential hat, beachten wir die Heftigkeit, die einer Operation zugrunde liegt (Narkose, Taubheit, „Stilllegung“ einiger Körperfunktionen von außen, Eindringen fremder Gegenstände in den Körper, Verletzungen etc.)

Dies alles kann, bei mangelnder geistiger, seelischer und körperlicher  Vorbereitung auf dieses Ereignis, ein Trauma mit all seinen möglichen Folgen hervorrufen. Ich betone die Vorbereitung, da natürlich diese bei einer unerwarteten OP fast gänzlich fehlen kann (das zumindest zeigt mir meine eigene Erfahrung). Wenn sie jedoch gegeben ist, nimmt sie einen wichtigen „traumatischen Faktor“ heraus: die Situation bricht nicht mehr über mich herein und überfällt mich, sondern ich bin (besser) in der Lage, mich darauf einzustellen.

Hierbei ist natürlich wichtig, dass ich mich überhaupt vorbereiten will [ebenfalls: siehe meine eigene Erfahrung…ich wollte NICHT]. Plus, dass ich von außen ebenfalls kompetentes und achtsam agierendes medizinisches Personal um mich herum habe, das sich des traumatischen Potentials eines solchen Eingriffs bewusst ist!

Was kann also von allen Seiten dafür getan werden, dass ein Kaiserschnitt – sollte er vonnöten sein! – möglichst KEIN Trauma produziert?
Aus meiner Sicht einiges.

Zunächst einmal, auf der Seite der Schwangeren: Auseinandersetzung mit dem Thema Kaiserschnitt. EHRLICHE Beschäftigung. Und ich meine nicht nur die medizinischen Fakten, sondern auch: Was macht dieser Gedanke mit mir? Was löst er in mir aus – ich und eine Kaiser-Geburt? Angst? Beklemmung? Ganz etwas anderes? Eine solche mentale Vorbereitung kann viel von dem Schrecken nehmen, der da vielleicht sitzt. (Es mag meine Sicht der Dinge sein – aber ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der vor einer OP keine Angst oder zumindest Bedenken hat…)

Was leider, aus meiner Sicht und nach meiner Erfahrung, oftmals viel zu kurz kommt: Nachsorge. Und ich meine damit nicht die Frage, wann die Fäden gezogen werden. SEELISCHE NACHSORGE. Ein Bewusstsein auch seitens des medizinischen Personals. Wissen darüber, was ein Trauma ist, wodurch es hervorgerufen werden kann, und welcher Umgang für einen guten Ausgang der Situation förderlich, oder eben schädlich ist! *4

Und falls, trotz mentaler Vorbereitung der Mutter, eine seelische Belastung bleibt, kommt dieser Nachsorge umso größere Bedeutung zu. Dafür muss aber auch das Bewusstsein dafür vorhanden sein, und danach gehandelt werden! An dieser Stelle klafft, meiner Ansicht nach, in den meisten Kliniken eine gewaltige Lücke, die es im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtungsweise insbesondere dieser OP zu schließen gilt.
Körper, Geist und Seele bilden eine Einheit – davon gehe ich zumindest aus. Wer einzig den Körper versorgt (oder versorgen lässt), der lässt zwangsläufig etwas auf der Strecke zurück.

Wir Frauen, wir (künftige) Mütter, wir Kaiserinnen (sofern wir diese Art von Geburt erlebt haben), tragen die Verantwortung für unser Kind, für unser Wohlergehen, unsere seelische und körperliche Gesundheit. Das ist der Teil, den WIR SELBST in beitragen können, selbst, wenn das Verhalten des medizinischen Umfelds suboptimal sein sollte.

Damit wir im Idealfall Hand in Hand arbeiten.

Von Herzen
Martina
 
 
 
 
*1 Michaela Huber: Trauma und Traumabehandlung. Teil 1. Paderborn (Junfermann) 2003. S. 38f.
*2 Peter A. Levine: Sprache ohne Worte. Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt. München (Kösel) 2011. S. 73.
*3 schreibt Dr. med. Gabor Maté im Vorwort zu „Sprache ohne Worte“. S. 14.
*4 An dieser Stelle lege ich allen wärmstens das bereits erwähnte Buch „Sprache ohne Worte“ von Peter Levine ans Herz. Er beschreibt Vieles zum Thema des Umgangs mit traumatischen Situationen und bereits traumatisierten Menschen, z.B., „die Macht der Freundlichkeit“. Alles zu erwähnen würde leider den Rahmen dieses Artikels sprengen…

Martina Wolf - 10:07:28 @ Kaiserschnitt, Erfahrung, Geburt | Kommentar hinzufügen

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