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2019-09-11

Meine Narbe - und die Welten, von denen aus ich sie betrachten kann

girl-2573111_1920.jpgIch spüre, wie sehr ich dem aus dem Weg gehe, diesen Text zu verfassen.

Meine Narbe und ich, wir haben kein einfaches Verhältnis. Besser: Ich zu ihr.
Sehr lange habe ich sie gespürt, wurde ich durch Schmerzen nach der OP dazu gezwungen, sie zu spüren. Der Schmerz hieß: SPÜRE MICH! SPÜRE DICH! NIMM DICH WAHR! Doch dass unter der körperlichen Narbe eine lag, die noch viel tiefer ging, das drang noch nicht zu mir durch.

Wenn es ging, nahm ich zu Beginn Schmerzmittel. Sie betäubten nicht nur den äußerlichen Schmerz, sondern machten auch die innere Stimme leiser. Da war doch außerdem dieses Kind! Das brauchte mich jetzt! Also funktionierte ich. Wickeln, Milch abpumpen Tag und Nacht, füttern, trösten. Von vorn.

Wenn ich mich versehentlich am Bauch berührte, merkte ich – ich spüre dort nichts. Ja, das ist halt so. Die verletzen Nervenfasern. Das wird schon. Die Narbe heilte, und ich vergaß sie. Unbewusst vermied ich jede Berührung an der Stelle.
Zunehmend entglitten mir Situationen im Alltag. Erst geistig – was habe ich noch mal gerade gemacht? Als das nicht zu mir durch kam, auch körperlich. Plötzliches Weinen, aus dem Nichts, beim Geschirr spülen. SPÜRE DICH!!! Mir dämmerte, dass das Funktionieren so nicht weiter funktionieren konnte.

Mit dem langsamen Aufbröckeln der Schutzmauer, die ich um mich errichtet hatte, kam auch die Erinnerung an die Narbe zurück. Langsam traute ich mich, sie zu berühren – und spürte die Taubheit an der Stelle. Die Trauer, die darunter lag, sickerte mit den Tränen langsam nach außen. Und mit jeder Träne wurde es etwas leichter, Milligramm für Milligramm.

Ich spürte, wie abgeschnitten ich von mir selbst war. Wie der Energiefluss in mir abbrach, dort, wo der Schnitt saß. Doch ich ahnte, welche Kraftquelle dort schlummerte, in meinem Bauch. Im Nachhinein kann ich kaum erinnern, was genau mir dabei geholfen hat, den kraftvollen Strom wieder wahrzunehmen und fließen zu lassen. Ich glaube, die Quintessenz war: Immer wieder spüren. Immer wieder mir selbst erlauben, zu spüren. Allein, und auch mit Hilfe anderer.

Mein Blick auf meine Narbe wandelte sich. Irgendwann konnte ich sie als (ehemalige) Öffnung zum „2. Geburtskanal“ betrachten. Durch sie wurde Leben ans Licht geholt. Durch sie ist mein Sohn geboren. Ich kann fühlen, wie auch dort das Leben pulsiert.
Ehemals war ich taub dafür, wie auch die Narbe selbst taub war. Das musste wohl auch so sein – damals war ich fürs Hören noch nicht bereit! Es hätte mich absolut überfordert.

Es ist lange nicht „alles gut“, im Verhältnis zu meiner Narbe. Aber was ich jetzt neben dem Schmerz auch spüren und sehen kann: Die Freude, und den Stolz, der in der Narbe steckt – denn sie erinnert mich an meinen großartigen, zauberhaften Sohn. Und das wird sie auch noch tun, wenn er irgendwann schon längst erwachsen und ausgezogen ist. Sie erinnert mich auch an den Kaiserschnitt, und welche gewaltigen Veränderungen er in mir angestoßen hat. Und die waren definitiv zum GUTEN!

Was mich die Narbe lehrt, ist, dass auch (und gerade) im tiefsten Schmerz der tiefste Schatz verborgen liegt. Dass ich keinem Schicksal ergeben bin, sondern ich die Wahl habe, wie ich es wahrnehme und erlebe. Und dass dazwischen Welten liegen können, auch wenn sich an der Sache an sich nichts verändert hat.
Die Narbe ist immer noch eine Narbe. Der Kaiserschnitt ist immer noch ein Kaiserschnitt. Ich kann sie hassen, oder ich kann sie in Liebe annehmen. Und auch, wenn es immer wieder schwankt – ich entscheide mich für die Liebe. Sie fühlt sich so viel schöner an.

Martina Wolf - 06:37:35 @ Erfahrung, Kaiserin | Kommentar hinzufügen

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